Werner Thury als Chef-Referee

Zuletzt geändert am: 16.08.2021 um 19:06
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Werner Thury hat bereits viel in seinem Schiedsrichter-Leben erreicht, doch nun eroberte er die absolute Spitze und agierte als Chef-Referee bei den Olympischen Spielen in Tokio.

Der Pressechef des ÖTTV, Miguel Daxner, führte mit dem gebürtigen Burgenländer ein interessantes Interview:

Referee der Olympischen Spiele in Tokio – was bedeutete diese Nominierung für Sie?
„Die Olympischen Spiele sind auch für Offizielle der Höhepunkt einer jeden Karriere. Eine Nominierung als Referee kann man sich realistischerweise nicht erwarten, denn alle vier Jahre kann diese Position nur an eine Person vergeben werden und mehr als 220 Verbände stellen Schiedsrichter. Aus diesem Grund ist es für mich eine Ehre, Österreich in dieser Position vertreten zu haben und auch ein Zeichen, dass meine Arbeit im internationalen Parkett in den letzten Jahren nicht so schlecht gewesen sein kann.“

Als Referee mussten Sie auch die Auslosung vornehmen und bescherten Österreichs Damen mit dem Gegner China ein Horrorlos. Sie mussten das Event live moderieren – wie waren Ihre Emotionen dabei?
„Ehrlich gesagt, war ich froh, dass mein Gesicht hinter der Maske versteckt war. Ich verstehe auch, dass mich in Österreich zu diesem Zeitpunkt niemand mehr mochte. Aber ich musste gefasst reagieren und die Auslosung professionell zu Ende bringen. Es ist schon etwas besonderes dieses Event moderieren zu dürfen.“

Wie sehr sind Sie von den COVID-Richtlinien betroffen?
„Es ist für uns Offizielle enorm hart. Wir dürfen – nicht wie die Sportler – tatsächlich nur entweder im Hotel oder in der Halle sein, dürfen nicht einmal Essen bestellen und ernähren uns täglich von Instant Nudeln und Sandwiches. Dazu kommt, dass ohne Zuschauer keine Olympiastimmung aufkommen will. So versuchen wir als Schiedsrichter – der Dietacher Josef Waizinger fungierte als Umpire – unseren Beitrag zu einer Top-TV-Veranstaltung zu leisten. Das hören wir, dass uns das auch gut gelingt.“

Durch die Verschiebung von 2020 auf 21 waren auch Sie betroffen. Was waren die wichtigsten Aufgaben in diesem Bereich?
„Die Vorbereitung für Olympia startete schon mit dem Testevent Ende 2019 in Tokio. Wir waren Anfang 2020 bereits in der Detailplanung der einzelnen Abläufe. Durch COVID-Vorgaben und Ergänzungen waren aber die letzten drei Monate dennoch sehr heftig. Dabei braucht man auch Fingerspitzengefühl. Es ist etwa verboten den Ball anzuhauchen. Ich habe aber die Umpires dazu angehalten, die Spieler in den entscheidenden Phasen nur zu verwarnen, aber nicht zu bestrafen. Solche Praktiken sind einfach angelernt und das muss man einkalkulieren.“

Sie waren schon Referee bei den Weltmeisterschaften 2011 und 2017. Was ist der Unterschied zu Olympia?
„Referee bei Olympia bedeutet nicht nur Einhaltung der Regeln und Überwachung der Schiedsrichter. Millionen von Zuschauern erwarten sich eine perfekte Veranstaltung und aus diesem Grund ist die Zusammenarbeit mit den Medien, den Organisatoren und natürlich den Spielern sehr wichtig. Die detaillierten Vorgaben der Olympischen Spiele sind einzuhalten, da es ja ein Multisportevent ist. Tischtennis ist in Asien eine Top-Sportart und somit multipliziert sich das Medieninteresse natürlich.“

Sie sind der erste Referee aus Österreich bei Olympischen Spielen. Aber es gab schon olympische Ehren für österreichische Schiedsrichter. Woran liegt das, dass ÖTTV-Referees so erfolgreich sind?
„Wir hatten mit Wolfgang Wulz bereits einen Finalschiedsrichter bei Olympia. Diesmal war Josef Waizinger ein möglicher Kandidat. Dies zeigt, dass wir mit unserem System und unserer Ausbildung am richtigen Weg sind. Die Anforderungen an unsere Schiedsrichter, die international Österreich vertreten wollen, sind sehr hoch. Als eines von wenigen Ländern verlangen wir, dass sie die Prüfung in Englisch absolvieren, weil sie mit Spielern und Trainern kommunizieren müssen. Weiters ist Regelkunde und souveränes Auftreten eine Grundvoraussetzung. Wir konzentrieren uns auch auf die Jugend und fördern die Nachwuchshoffnungen. Mit Maximilian Nitz, Martin Mayerhofer und Tobias Meusburger haben wir drei junge Schiedsrichter, die wir sicher bei Top-Events sehen werden. Sollten sie einmal meine Rolle übernehmen, dann habe ich meine Aufgabe richtig gemacht.“

Seit wann sind Sie im internationalen Tischtennisverband tätig?
„Seit 2009 bin ich im ITTF-Schiedsrichterausschuss und seit 2013 auch Deputy Chair im Komitee und in den letzten Jahren sehr intensiv mit der Zukunftsentwicklung der Match Officials im internationalen Tischtennis beschäftigt.“

Sie waren sehr jung, als Sie als Referee für die WM 2011 in Rotterdam ernannt wurden. Wie war das Gefühl damals und wie nervös ist man dabei?
„Ich war lange Zeit der jüngste Referee weltweit und die WM in Rotterdam war sicher ein großer Vertrauensbeweis der ITTF, da ich mit 37 Jahren auch der jüngste Referee bei einer WM war. Die anderen Schiedsrichter waren älter als ich. Aber wir waren ein gutes Team und es war eine erfolgreiche WM. Ich hatte davor bereits einige Turniere als Referee wie etwa die World Olympic Qualifikation oder die Jugendweltmeisterschaft absolviert und kannte somit sehr viele Aufgaben. Aber neu und somit aufregend war natürlich die offizielle Auslosung, die in Rotterdam im Rahmen einer zweistündigen Show weltweit live ausgestrahlt wurde und ich als Hauptakteur laufend auftreten durfte.“

Ich habe Sie - im Gegensatz zu anderen ihrer Kollegen - äußerst seriös, aber auch locker in ihrem Job kennen gelernt. Ist das eines Ihrer Erfolgsgeheimnisse?
„Es ist für mich wichtig auch die Situation der Spieler zu verstehen und ich versuche mich darauf einzustellen. Sie stehen unter Druck und wenn ich Gegendruck erzeuge, werden wir keine Lösung finden. In 90% der Fälle kann man mit einem offenen und freundlichen Ton gemeinsam ein Problem lösen. Ein Lächeln kann Türen öffnen. Sehr wohl aber gibt es auch Momente, bei denen ich sehr streng und auch unangenehm werden kann. Es gibt Linien, die nicht überschritten werden sollten und hier ist es meine Aufgabe ,Stop` zu sagen. In meiner Karriere habe ich schon viele Disqualifikationen durchführen müssen. Aber es freut mich, dass ich mit den meisten dieser Spieler trotzdem ein gutes Verhältnis habe. Eine Trennung des persönlichen und sportlichen Bereiches ist wichtig. Viele Spieler sind mit mir im internationalen Tischtennissport aufgewachsen. Gemeinsam waren wir bei Jugend-Events und nun treffen wir uns bei Olympia.“

Wie kommt man dazu, Tischtennis Schiedsrichter zu werden?
„In meiner Familie war Tischtennis immer ein wichtiger Bestandteil und mein Vater gründete auch den UTTC Halbturn. Mit 14 Jahren überzeugte mich der Mitbegründer des Vereines Johann Ehart, die Landesschiedsrichterprüfung abzulegen. Ich hatte dann auch das Glück sehr schnell Spiele beim damaligen Spitzenklub Hornstein mit den Stars Schlager, Kreanga und Cabrera zählen zu dürfen und dies war der Grundstein für meine derzeitige Tätigkeit.“

Sie sind auch als Spieler und Funktionär in Halbturn tätig sind. Wie weit ist das mit dem Schiedsrichter-Dasein vereinbar?
„Ich bin nun schon seit 18 Jahren Obmann des UTTC Halbturn und Spieler seit meinem 15. Lebensjahr. Als Spieler habe ich bereits in allen Klassen, von der untersten bis zur Landesliga, gespielt. Derzeit freut es mich, dass ich mit meinem Vater und meinem Sohn gemeinsam in einer Mannschaft spiele. Durch meine internationale Tätigkeit leidet auch ein wenig meine Arbeit im Verein. Training ist leider zeitlich gar nicht mehr möglich. Unterstützung im Verein habe ich vor allem durch meinen Vater und auch das gesamte Team des UTTC Halbturn.“

Sie sind auch Schiedsrichterreferent im österreichischen Verband. Welche Aufgaben warten in diesem Bereich auf Sie und was möchten Sie hier erneuern?
„In Österreich ist es mir wichtig, dass wir junge Schiedsrichter motivieren und sie ausbilden, damit wir eine gute Basis für die Zukunft haben und auch international weiterhin im Spitzensport erfolgreich sind. Langfristig sollen die jungen Schiedsrichter meine Tätigkeit übernehmen und ihre eigenen Ideen einbringen.“
Welche Neuerungen im internationalen Tischtennissport können wir uns erwarten und beeinflussen sie auch das Schiedsrichterwesen?
„Durch meine Tätigkeit bei der ITTF und der ETTU bin ich derzeit in einigen Arbeitsgruppen eingebunden und kann ein wenig die Geschehnisse im Tischtennissport im kleinen Rahmen mitgestalten. Die WTT wird viele Neuerungen bringen und den Tischtennissport auf noch professionellere Beine stellen. Es liegt aber noch viel Arbeit vor uns, denn die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Verbände und hier vor allem in Europa, müssen noch mehr berücksichtigt werden. Im Schiedsrichterwesen arbeite ich derzeit mit zwei Kollegen an einer Professionalisierung des Schiedsrichterwesens. Die Schiedsrichter sollen nicht mehr in ihrer Freizeit mit ihrem eigenen Geld zu Turnieren fliegen und als Freiwillige Spiele leiten. Sie müssen sich professionell vorbereiten können, die Rahmenbedingungen müssen den Anforderungen bei Top-Events entsprechen.“

 

Werner Thury bei der Auslosung zum Damen-Mannschaftsbewerb Werner Thury in Aktion

 


Veröffentlicht von Administrator am 16.08.2021


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